
Pfingsten im Himmelmoor
Eine indianische Weisheit sagt: Urteile über niemanden, in dessen Mokassins du nicht gelaufen bist. Daraus hat sich die Möglichkeit einer Medizinwanderung entwickelt: Gehe über die Schwelle und gehe in den Schuhen von wem auch immer.
„In den Schuhen oder Mokassins von jemanden zu gehen“ bedeutet einen anderen Standpunkt einzunehmen, zu spüren, ein Verständnis für andere zu entwickeln, raus aus der eigenen, oft engen Sichtweise. Heißt auch, dass diese Medizinwanderung nicht nur die Sonnenseite, sondern auch die Schattenseiten eines anderen Seins, spüren lässt.
Pfingsten ist die Geschichte des Heiligen Geistes, der die Jünger Christi auffordert in alle Welt zu gehen, um die Frohe Botschaft hinauszutragen. Also genau der richtige Zeitpunkt beschließen wir, eine Medizinwanderung in den Schuhen des Heiligen Geistes im nahe gelegenen Himmelmoor zu machen.
Der Schritt über die Schwelle ist schnell getan. Entlang der Schienen der Museumsmoorbahn stellt sich mir einen Weichenanlage in den Weg. Der Hebel ragt weit in den Fußweg, wie eine Stolperfalle, umgelegt, verändert die Weiche den Schienenlauf und gibt den anderen, den neuen Weg frei. So fühlt sich der Heilige Geist an. Er verändert meinen vorgespurten Weg hin zu einem neuen, unbekannten Weg. Was mich spontan verängstigt. Der Heilige Geist in der Bibelgeschichte hat den Jüngern (und Jüngerinnen) Unterstützung bzw. eine Grundausstattung mitgegeben für ihre neuen Aufgaben in Form der Kenntnis der fremden Sprache, wo er sie hinsendet.
Das hat mit meiner Situation zu tun, merke ich. Ich stehe auch an dieser Weichenstellung, vor den neuen Aufgaben, was es heißt, öffentlich Naturrituale und Visionssuchen anzubieten.
Aber die Aufgabe ist ja nicht, in den Fußspuren der Apostel zu gehen und ihre Angst und Euphorie zu spüren, sondern in den Fußstapfen des Heiligen Geistes zu gehen. Und da spüre ich: Was für eine Verantwortung und was ein Vertrauen des Heiligen Geistes, dass jede und jeder diesem Auftrag gewachsen ist, den Auftrag annimmt und losgeht.
Das Himmelmoor unterstützt diese Information zum Vertrauen. Ein über Jahrhunderte durch Torfabbau ausgebeutetes Hochmoor, jetzt auf dem Weg der Renaturierung. Moore brauchen unglaublich lange zum Wachsen, im Schnitt xy mm im Jahr. Und das Himmelmoor macht einfach. Es hält sich nicht mit Ängsten und Sorgen auf. Das Wollgras blüht. Die Binsen und Moormoose wachsen und scheren sich nicht um die Zukunft und nicht um die Vergangenheit. Sie vertrauen darauf, dass sie jetzt und hier wachsen und gedeihen.
Und so ist die Botschaft dieser Medizinwanderung Vertrauen. Der Heilige Geist hat Vertrauen, dass er den Jüngern nicht mehr zumutet als sie geben, als sie leisten können. Das Himmelmoor hat Vertrauen, dass es ungeachtet der äußeren Umstände wachsen wird. Das es sich schon positiv fügen wird. Das es gut wird.
